Fußgänger drückt der Schuh

Halle-Saale-Kurier vom 06.07.1998

Verkehrtagung Halle

7. Verkehrstagung in Halle

Fußgänger drückt der Schuh

Veranstaltung zum Tag des Fußgängers lud ins Stadthaus ein – Bei Podiumsdiskussion wurden Verkehrsprobleme der Stadt erörtert

Halle. Mit einer bedrückenden Aussage leitete Moderator Christian Gutowski die Podiumsdiskussion ein, mit der am Samstagnachmittag im Stadthaus die 7. Verkehrstagung in Halle endete. „Es drückt der Schuh des Fußgängers an allen Ecken und Enden.“ Der Tag des Fußgängers war ein geeignetes Datum, um sich mit dessen Sorgen zu beschäftigen.

„Bürgersteige sind die Kloake der Stadt“, formulierte der Vorsitzende des Verbandes für Umwelt und Verkehr, Georg Giersch, als Einlader zu der Tagung. Mit seiner Aufzählung von parkenden Autos, Gehwegsabsenkungen, desolaten Fußgängerwegen und anderen Barrieren, denen Passanten ständig gegenüberstehen, hatte er genug Gründe für diesen Vergleich auf seiner Seite. Bei der Beurteilung dieser Misere waren sich die Teilnehmer der Tagung eigentlich auch einig. Auf diesen paradoxen Umstand bezog sich Bürgermeisterin Dagmar Szabados, als sie meinte, dass „immer nur die Leute zusammensitzen, die ohnehin einer Meinung sind“.

Auf Koordinationsschwierigkeiten innerhalb der Stadt ging Planungsdezernent Friedrich Bussmann ein. Es seien „zu viele verantwortlich“, umriss er dieses Problem. Bezugnehmend auf die konkreten Kritikpunkte einiger Hallenser während der Diskussion sagte er, Dass man die „Kultur des Kleinen“ erst noch lernen müsse. Dies bedeute, sich „nicht nur der Erneuerung ganzer Straßenzüge“ zu widmen, sondern „auch kleine Erhaltungsmaßnahmen“ – gerade auch an Fußwegen – kontinuierlich durchzuführen.

Auf die Formel, dass „alles zwischenmenschlicher werden“ müsse, brachte es Erhard Reil aus Oldenburg. Er hatte zuvor einen Vortrag über seine Erfahrungen als blinder Fußgänger gehalten. Dabei belegte er die zum Teil lebensgefährlichen Hindernisse, wie es sie in vielen Städten gibt, mit Dias. Nicht nur sein Beispiel von Plakaten, die in Kopfhöhe angebracht sind, konnten die Zuhörer auch auf Halle übertragen.

Über die allgemeine Resonanz der Verkehrstagung äußerte sich Gesine Haerting, Mitglied beim Verband Umwelt und Verkehr, sehr enttäuscht. So hatte man beispielsweise 130 Schulen im Vorfeld der Veranstaltung angeschrieben. Nur 14 zeigten Interesse und nahmen an einem Malwettbewerb teil, bei dem sich die Kinder mit dem Thema beschäftigen sollten, wie man sich zu Fuß durch Halle bewegen kann. Das dennoch ansehnliche Resultat von 400 Arbeiten war im Verlauf des Tages vor der Marktkirche zu sehen. Im Hinblick darauf, dass an allen Schulen Verkehrserziehung gelehrt wird, wunderte sich Gesine Haerting, dass nur zwei Lehrer den Weg ins Stadthaus fanden.

Stadtteilbüros, die Bürgern die oft sehr komplexen Verwaltungsentscheidungen näher bringen, bei denen verschiedene Interessengruppen wie Händler, Autolobbyisten und Umweltverbände an einen Tisch kommen, wären nach Ansicht der Tagungsteilnehmer Lösungsansätze für das hallesche Verkehrsproblem. Würden diese Ideen umgesetzt, befänden sich Halle und seine Fußgänger ganz sicher nicht auf dem Holzweg.