Mit Blindenstock und Augenbinde unterwegs

Münsterländische Zeitung vom 15.10.2003

Tag des Weißenstockes

Mit Blindenstock und Augenbinde unterwegs

Schüler fühlten Sehbehinderten nach

Jemandem bind vertrauen, diese Erfahrung konnten die Mädchen und Jungen der achten Klasse der Hauptschule an der Leharstraße machen. Unter der Aufsicht des Verkehrspolizisten Lothar Deters bewegten sich die Schüler paarweise durch den Straßenverkehr. Einer der Partner verdeckte die Augen mit einer schwarzen Augenbinde. Er konnte sich mit einem weißen Blindenstock vortasten. Der andere Partner schützte den Blinden durch Zurufe vor Hindernissen.

„Das ist gar nicht so einfach, wenn man auf einmal nichts mehr sieht“, meinte Natascha. Und auch Sarah fühlte zunächst ihre Angst. Aber der Blinde Erhard Reil machte ihnen Mut. Selbst mit 13 Jahren am Grauen Star erblindet, kam Reil in die Blindenschule und absolvierte das Mobilitätstraining, das es ihm ermöglichte sich auch im Straßenverkehr eigenständig zu bewegen. Dabei stieß er oft an seine Grenzen. Dennoch fand er immer wieder Lehrer und Bekannte, die ihm halfen, weiter zu machen.

Fahrräder und Mülltonnen, so Reil, sollten nicht gedankenlos auf dem Fußweg abgestellt werden. Auch Autofahrer sollten verstärkt Rücksicht nehmen und öfter den Wagen anhalten, um das Überqueren der Straße zu ermöglichen. Jeder könne seine Hilfe anbieten, sei es durch gemeinsames Laufen oder Schwimmen, denn der Blinde orientiere sich über das Hören und Fühlen. Oder man liest Bücher vor. Vor dem Vertrauen, das sich zwischen Blinden und Sehenden entwickelt, weiß Beate Naderi, die Klassenlehrerin der 8c zu berichten, da sie seit zehn Jahren mit Erhard Reil Tandem-Fahrrad fährt. „Jetzt weiß ich, wie es ist, blind zu sein“, meinte der Schüler Andreas. Und wie wichtig es ist, Vertrauen zu schenken und Menschen mit Behinderungen die richtige Hilfe anzubieten – um diese wichtige Erfahrung sind die Jugendlichen jetzt reicher.