Ausprobiert: Blind auf der Straße

Wochenblatt Cloppenburg vom 22.10.2003

Ausprobiert

Ausprobiert: Blind auf der Straße

„Jetzt weiß ich, wie es ist“ – Projekt der Hauptschule Leharstraße

Cloppenburg. „Jemandem blind vertrauen…“ – diese (wortwörtliche) Erfahrung machten die Achtklässler der Hauptschule Leharstraße im Rahmen eines ungewöhnlichen Projektes. Unter verkehrspolizeilicher Aufsicht von Lothar Deters bewegten sich die Schüler paarweise durch den Straßenverkehr. Einer von beiden verdeckte die Augen mit einer schwarzen Binde und tastete sich mit einem weißen Blindenstock voran. Der Partner schützte den „Blinden“ durch Zurufe vor Hindernissen.

„Das ist gar nicht so einfach, wenn man auf einmal nichts mehr sieht!“, meinte Natascha. Und auch Sarah fühlte zunächst ihre Angst, wie sollte sie sicher durch den Straßenverkehr kommen? Aber der blinde Erhard Reil machte ihnen Mut. Selbst als 13-jähriger am grauen Star erblindet, kam Reil in die Blindenschule und absolvierte das Mobilitätstraining. Dass es ihm ermöglichte, sich auch im Straßenverkehr eigenständig zu bewegen. Dabei stieß er oft an seine Grenzen, und dennoch fand er immer wieder Lehrer und Bekannte, die ihm halfen, weiter zu machen. Wie diese Hilfe aussieht, davon können sich die Jugendlichen jetzt ein Bild machen.

Fahrräder und Mülltonnen werden nicht gedankenlos auf dem Fußweg abgestellt, denn sie bedeuten eine Gefahr für Blinde. Auch Autofahrer sollten Rücksicht nehmen und öfter anhalten, um das Überqueren der Straße zu ermöglichen. Jeder kann seine Hilfe anbieten, sei es durch gemeinsames Laufen oder Schwimmen, der der Blinde orientiert sich über das Hören und Fühlen. Oder man liest Bücher vor. Von dem Vertrauen, dass sich zwischen Blinden und Sehenden entwickelt, weiß Beate Naderi, die Klassenlehrerin der 8c zu berichten, da sie seit zehn Jahren mit Erhard Reil Tandem fährt.

„Jetzt weiß ich, wie es ist, blind zu sein!“, meinte Andreas. Und wie wichtig es ist, Vertrauen zu schenken und Menschen mir Behinderungen die richtige Hilfe anzubieten – um diese Erfahrung sind die Jugendlichen jetzt reicher.