Eine Kordel hält die Verbindung

NWZ vom 20.10.2001 Artikel
Artikel NWZ

Bild

Bild

Eine Kordel hält die Verbindung

Lauftreff Oldenburg-Süd integriert drei Blinde - Baken und Bordsteine sind kein Hindernis

Seit sechs Jahren trainiert Erhard Reil beim Lauftreff. Morgen läuft er beim Oldenburg City-Lauf über die Zehn-Kilometer-Distanz.

(Von Wolfgang Redlich)

Oldenburg
Eine kurze Wollkordel bildet die Verbindung. Eine Verbindung zwischen Sehendem und Blindem, zwischen Helfer und Hilfebedürftigem oder aber einfach: zwischen zwei Sportkameraden. Mit dieser Kordel führen Mitglieder des Lauftreffs Oldenburg-Süd seit sechs Jahren den blinden Läufer Erhard Reil beim wöchentlichen Training. So wird es auch morgen, Sonntag, sein, wenn Reil von Lauftreff-Leiter Manfred Scholz beim Oldenburger City-Lauf über die Zehn-Kilometer-Distanz geführt wird.

Das Begleiten sei im Prinzip ganz einfach, erklärt Reil. Er läuft grundsätzlich rechts vom Führenden. „An der Kordel ziehen, wenn ich zu weit rechts laufe, mit der Schulter wegdrücken, wenn ich zu nahe komme.“ Eine ganze Reihe von Läufern hat sich der Aufgabe verschrieben, ihm beim Training zu helfen. Beim Lauf in dieser Woche übernimmt Lauftreff-Mitglied Thomas Drieling die Führung des Blinden.

Die Gruppe joggt auf dem Dwaschweg, der zu einem Gutteil als geschotterter Fußgängerweg angelegt ist. Der Weg führt zunächst geradeaus, was die Aufgabe erleichtert. Allerdings stehen an jeder Kreuzung enge Begrenzungsbaken, die Radfahrer am schnellen Überqueren der Querstraßen hindern sollen. Drieling und Reil gehen auf Tuchfühlung, ein gleichzeitiges Ziehen an der Kordel und Schieben mit der Schulter. Platz ist zwischen den engsten Baken. Auch Bordsteine bilden kein Hindernis. „Die muss man nur rechtzeitig ankündigen“, klärt Reil vor dem Training auf. Auf Drielings Zuruf „Bordstein!“ hebt der blinde Läufer den Fuß hoch, sehr hoch, und geht so auf Nummer sicher.

Erhard Reil ist glücklich über die Hilfe, die er beim Lauftreff erfährt. Bei anderen Vereinen habe er schlechtere Erfahrungen mit deren Integrationsbereitschaft gemacht: „Manche haben es sich wohl nicht zugetraut, einen Blinden zu trainieren.“

Nicht so beim Lauftreff, der dem Sportverein Blau-Weiß Bümmerstede angegliedert ist. Manfred Scholz hat den Treff vor zehn Jahren gegründet und leitet ihn. Er verweist darauf, dass der Lauftreff neben Reil in Jens und Anna Koopmann noch zwei weitere Sehbehinderte integriert hat. „Die Läufer in den einzelnen Gruppen haben sich bereit erklärt, die drei abwechselnd zu betreuen.“ Das Prinzip des Lauftreffs „Alle laufen gemeinsam los, alle kommen gemeinsam an“ gilt auch für die blinden Läufer.

Zu den Helfern, die die Sehbehinderten führen, gehört auch Fritz Rüffert. Er ist mit 77 Jahren der Senior des Lauftreffs und hat Reil im Sommer durch den Forst beim Standortübungsplatz begleitet. Rüffert ist fasziniert von der Einfühlsamkeit des blinden Läufers. „Er weiß fast immer genau, wo wir uns befinden.“ Geräusche, Gerüche und Gefühl für Entfernungen machen dies möglich. Auch das Spüren von kleinen oder großen Anhöhen dient der Orientierung. Reil kennt sich in seiner Umgebung aus, ist sein eigener Topograph. Beim Lauf durch Bümmerstede kündigt er eine Begrenzungsbake „so in fünfzig oder achtzig Metern“ an. Die Bake tut sich kurz darauf in ziemlich genau dieser Entfernung vor der Laufgruppe auf.

Wer am Lauftreff-Training teilnehmen möchte, kann sich dienstags um 18.30 Uhr (Walking) oder 19.30 Uhr (Laufen) beim Bümmersteder Sportplatz einfinden.