Ausstellung beschreibt Probleme Behinderter (Winsen)

Winsener Anzeiger vom 09.04.1998
Winsen
Ausstellung beschreibt Probleme Behinderter

Winsen. „Gegenstände haben häufig leider eine höhere Priorität als Menschen“, sagt Erhard Reil, wenn er über ausgewiesene Parkplätze spricht, die in vielen Städten die Gehwege verengen. Die geparkten PKW würden praktisch jeden Behinderten stark gefährden.

„Geistig Behinderte können die Verkehrsströme nicht einschätzen und beim Ausweichen leicht unter ein Auto geraten. Rollstuhlfahrer benötigen naturgemäß einen gewissen Raum und auch Blinde brauchen zur eigenen Sicherheit mehr Platz als Sehende, um sich gefahrlos bewegen zu können“, sagt Reil.

Der 49jährige Oldenburger erblindete zwischen dem 14. und 19. Lebensjahr am Grünen Star. 1991 lief er gegen einen geparkten LKW und musste mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. „Nach dem Unfall habe ich überlegt, Schluss zu machen. Dann habe ich mich entschlossen, mich zu wehren“, sagt Reil, der als Mitglied der Verkehrswacht Oldenburg inzwischen bundesweit mehr als 140 Vorträge über „Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr“ gehalten hat.

Zum gleichen Thema stellte Reil eine Ausstellung zusammen, die am Dienstag im Winsener Kreishaus eröffnet wurde und noch am heutigen Donnerstag besichtigt werden kann. Neben Informationsmaterial und Stellwänden gibt es im neuen Kreishaus auch ein schwarzes Zelt, gefüllt mit Mülltonnen, Leitern, Säcken und anderen Hindernissen. Mit verbundenen Augen und ausgerüstet mit einem Blindenstock, haben Besucher hier die Möglichkeit, die täglichen Erfahrungen von Blinden nachzuempfinden.

"Ich kann nur jedem empfehlen, einmal durch diesen Erfahrungstunnel zu gehen", sagte Harburgs Landrat Jens-Rainer Ahrens, der die vom Behindertenbeirat organisierte Ausstellung eröffnete und das Experiment als erster wagte. Anschließend sprach Erhard Reil über die Schwierigkeiten im Straßenverkehr.

So seien die Bürgersteige, die im Interesse von Rollstuhlfahrern am besten verschwinden müssten, eine wichtige Orientierungshilfe für Sehbehinderte und Blinde. "Es gibt aber Höhen und Neigungswinkel, die beiden Gruppen gerecht werden", betonte er. Als besonders gefährlich bezeichnete Reil, der seine Erfahrungen mit Zahlen aus der Unfallforschung untermauerte, kombinierte Geh- und Radwege. "Radfahrer sind nicht zu hören. Deshalb ist die Gefahr groß, dass Blinde ihnen ihren Stock in die Speichen stecken", forderte er eine strikte Trennung der Wege. Weitere Gefahrenquellen seien der Überwuchs aus Gärten sowie Mülltonnen und Glasvitrinen, die in Fußgängerzonen "ohne Warnung im Weg" stünden.