Mitstreiter für eine sichere Verkehrsumwelt gewinnen

Rundschau Rotenburg vom 22.07.1998
Rotenburger Zeitung
Mitstreiter für eine sichere Verkehrsumwelt gewinnen

Verkehrswacht macht sich für Mobilitätsbehinderte stark

Rotenburg. Fahrzeuge auf dem Gehweg abgestellt, Baustellen nicht ausreichend abgesichert – solche Unachtsamkeiten wurden dem Oldenburger Erhard Reil schon etliche Male zum Verhängnis. So muss er immer wieder schmerzlich feststellen, dass der Straßenverkehr für Sehende ausgerichtet ist. Doch anstatt die Dinge auf sich beruhen zu lassen und sich zurückzuziehen, sucht er Mitstreiter für eine sicherere Verkehrsumwelt.

Als Partner hat der 50jährige in Rotenburg die Verkehrswacht gefunden, die kürzlich zum Thema „Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr“ an zwei Tagen mit verschiedenen Aktionen auf die Situation von Blinden und Mitmenschen mit anderen Handicaps aufmerksam machte. Zur Veranstaltung gehörte auch ein Referat von Erhard Reil, der über seine Erfahrungen als Blinder im Straßenverkehr berichtete. „Von reinen Schuldzuweisungen möchte ich mich distanzieren. Ich will mit m einer Kritik lediglich sensibilisieren“, eröffnete Reil seine Ausführungen. Er erklärte seinen Zuhörern – die Verkehrswacht hatte Entscheidungsträger vom Landkreis, der Stadt Rotenburg und den Gemeinden eingeladen - zunächst den Gehweg aus der Sicht des Blinden. "Der Bordstein bildet die äußere Leitlinie, die mit dem Stock ertastet werden kann", so Reil. Da aber der Fließverkehr eine Gefahr darstelle, diene die Abgrenzung zu Gärten oder Häusern besser der Orientierung, machte er deutlich. Kritik übte er an auf dem Gehweg parkenden Fahrzeugen und Fahrrädern, die an Hauswänden abgestellt werden - beides nehme blinden Mitmenschen die Möglichkeit der sicheren Verkehrsteilnahme. "Zu Orientierungslosigkeit führen auch Bordsteinabsenkungen auf das Niveau der Straßenhöhe", muss Reil feststellen. Er regte das Aufstellen von Ampeln mit akustischen Signalen, Leitstreifen und Aufmerksamkeitsfelder für Blinde an.

Wem die Ausführungen des Oldenburgers zu theoretisch waren, der konnte sich im Erfahrungstunnel selbst in die Lage Nichtsehender versetzen. Die Verkehrswacht hatte auf dem Pferdemarkt ein abgedunkeltes Zelt aufgestellt, in dem Sehende Hindernisse mit dem Blindenstock ertasten mußten. Informationen erteilte aber nicht allein die Verkehrswacht: Auch der Blindenverein Elbe-Weser sowie die Rotenburger Werke und die AOK beteiligten sich an der Aktion.