Der blinde Mann, der Augen öffnen will

OV vom 05.10.1999
Rotenburger Zeitung
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Reil




Oldenburger kämpft nach einigen Tiefschlägen für besseres soziales Verhalten von Nichtbehinderten

Erhard Reil: Der blinde Mann, der Augen öffnen will

Oldenburg. „Ich gehe nicht mehr nach draußen, ich häng` mich auf.“ So dachte der in Oldenburg geborene Erhard Reil, nachdem er sich 1991 an einem auf dem Fußweg abgestellten Lastwagen schwer verletzt hatte. Schon zweimal zuvor war dem 51-jährigen ähnlich Schlimmes passiert, denn: Erhard Reil ist blind.

Aufgrund einer vererbten Augenkrankheit verlor er zwischen dem 13. und 18. Lebensjahr die Sehkraft. In seiner Jugend wurde er deshalb auch schon mit ziemlich bitteren Erfahrungen konfrontiert. Als er mit 14 Jahren zur Blindenschule wechselte, hatten ihm seine „Freunde“ schon den Rücken gekehrt. „Nur wenn ich Knete hatte, kamen sie mal wieder vorbei“. Schilderte Reil das egoistische Verhalten seiner ehemaligen Kameraden. Immer wieder war der Blinde Provokationen von rücksichtslosen Mitbürgern ausgesetzt, so dass er sich manchmal „nicht wie ein Mensch“ fühlte.

Besonders aber belasteten ihn die Gefahren, die Sehbehinderten im Straßenverkehr drohen. An der Hauswand abgestellte Fahrräder, auf dem Pflaster positionierte Mülltonnen, unabgesicherte Baustellen, überhängende Äste und Litfasssäulen verwandeln den Gehweg schnell in einen Hindernis-Parcours für Blinde, weiß Reil. Aufzugeben schien dem Oldenburger zunächst die einfachste Lösung zu sein, denn „Einsamkeit ist nicht Leben, sondern schmerzvolles Dahinvegetieren“, stellte er ernüchtert fest.

Doch anstatt tatsächlich die Flinte ins Korn zu werfen, rappelte er sich, auch mit Hilfe seines starken Glaubens an Gott, wieder auf und beschloss zu kämpfen. Seit einigen Jahren nun setzt er sich ein für „die schwächsten Teilnehmer im Straßenverkehr“, nämlich die Mobilitätsbehinderten. Das sind Personen, die wegen Behinderung oder Erkrankung in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind. Nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht beträgt der Anteil dieser Menschen bereits 30 Prozent der Bevölkerung. Mit Dia-Vorträgen will Reil seinen Zuhörern „die Augen öffnen“. Er fordert, dass Menschen mehr „füreinander und miteinander leben“ und ein „besseres soziales Verhalten“ an den Tag legen. Nur so sei seiner Meinung nach auch im Straßenverkehr eine humane Basis für Behinderte gewährleistet. Die Resonanz auf Reils Dia-Vorträge zu diesem Thema wuchs stetig. Auch die Oldenburger Verkehrswacht wurde auf ihn aufmerksam und entschloss ich prompt, zusammen mit dem blinden Vordenker eine Wanderausstellung zum Thema „Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr“ zu organisieren. Laut Michael Michel, dem Geschäftsführer, haben zwei Sponsoren die Durchführung der Veranstaltung ermöglicht. Die Schirmherrschaft übernahm die Oldenburger Polizei.

Besonders viele Schüler besuchten in der letzten Woche die Ausstellung, und sie konnten sogar mit einer Augenbinde durch einen eigens gebauten Tunnel laufen, um sich einmal in die Lage eines Blinden hineinzuversetzen. Viele Jugendliche verließen „bestürzt“ oder „bewegt“ die Dia-Vorträge, berichtet Reil. Besonders überrascht zeigten sich einige Teenager auch darüber, dass der Blinde sich einem Lauftreff angeschlossen hat.

Trotz des Wirbels um seine Person in diesen Tagen, darf man den Oldenburger aber keineswegs als Selbstdarsteller bezeichnen. Denn die Sache, für die er kämpft, betont Reil, sei ihm „viel wichtiger“ als seine eigene Person.