Diavortrag schärft Bewußtsein für behindertengerechte Umwelt

Verkehrswacht, Ausgabe 4/1993

Diavortrag

Diavortrag schärft Bewußtsein für behindertengerechte Umwelt

Erlebnisnah und fachkundig schildert Erhard Reil – erblindet im Alter zwischen 13 und 18 Jahren – in seinem Diavortrag „behindertengerechte Umwelt – der Gehweg, unser Lebensraum“ die Sorgen und Nöte behinderter Menschen im Verkehrsalltag, und zeigt seinem überwiegend aus Politik und Verwaltung stammenden Publikum praktikable Alternativen zur heute üblichen Verkehrsplanung und Stadtgestaltung auf.

Der Gehweg stellt für einen blinden Menschen einen wichtigen Lebensraum dar – hier begegnet er anderen Menschen, auf ihm geht er spazieren und erledigt seine täglichen Besorgungen. Erhard Reil erläutert zu Beginn seines Lichtbildvortrages, wie ein Mensch ohne Augenlicht lernt, sich in einem solchen Raum mittels systematischer Orientierungshilfen zurechtzufinden. Eindrucksvoll zeigen die ersten Aufnahmen einen halsbrecherischen Hindernislauf auf einem Gehweg, wie ihn ein Blinder auf seinen Besorgungen täglich erlebt – dem Betrachter wird dabei vor Augen geführt, was es für einen blinden Menschen bedeutet, einen solchen Lebensraum wie den Gehweg nicht ohne fremde Hilfe nutzen zu können, weil Autos ihn zuparken oder unachtsam abgestellte Mülleimer und Fahrräder den Weg versperren, weil es keine systematischen Orientierungshilfen gibt, oder weil eine Baustelle nur schlecht oder gar nicht abgesichert ist.

Eine zweite Bildfolge weist auf gefährliche Situationen an Straßenkreuzungen hin. Ein besonders großes Problem ist hier das immer noch häufige Fehlen akustischer Ampeln, die Gefährdung durch Rechtsabbieger und der umstrittene grüne Pfeil. Auch Bordsteinabsenkungen stellen für einen Blinden an Kreuzungen eine lebensbedrohliche Gefahr dar, da er so nicht mehr mit seinem Blindenstock den Fahrbandrand ertasten kann.

Die sogenannten kombinierten Fuß- und Radwege, die oft zu schmalen Gehwegen und die Radwegüberquerungen von Gehwegen zu Bushaltestellen bilden einen weiteren Themenkomplex. Kombinierte Rad- und Gehwege stellen nicht nur für blinde Menschen, sondern für alle Mobilitätsbehinderten ( z.B. Rollstuhlfahrer ) und auch für die Radfahrer ein erhebliches Unfallrisiko dar. Viele Gehwege sind zu schmal. Das wird den meisten Menschen jedoch erst bewusst, wenn sie mal einen Blinden begleitet haben. Oft muss der sehende Begleiter ihn regelrecht vor sich herschieben. Oder kommt einem ein Kinderwagen oder ein Rollstuhl auf einem Fußweg entgegen, so muss man auf die vielbefahrene, gefährliche Straße ausweichen.

Für alle Gefahrenpunkte, auf die Erhard Reil in seinem Vortrag aufmerksam macht, bietet er eine Reihe von Lösungsvorschlägen an, die er sich in mühevoller Bearbeitung umfangreicher Fachliteratur und aufgrund langjähriger eigener Erfahrungen und Erkundungen erarbeitet und zusammengestellt hat. Ein breites Publikum von Gemeindevertretern, Planern, Verkehrsexperten und politischen Vertretern der Städte, Kreise und des Landes Niedersachsen hat bereits Erhard Reils augenöffnenden Vortrag angesehen. Herr Reil steht auch gerne kleineren Gruppen und Verbänden für eine Dia- und Diskussionsveranstaltung zum Thema „behindertengerechte Umwelt“ zur Verfügung. Interessierte können sich unter folgender Adresse melden:

Erhard Reil, Harreweg 131, 26133 Oldenburg, Telefon: 0441/ 4 63 08

von Uwe Leinigen

Wie kann ein Blinder Dia-Vorträge halten?

Diese Frage wird sich mancher Leser stellen. Wer Erhard Reil kennenlernt, muss darauf gefasst sein, dass dieser ihn mehr als einmal ins Erstaunen darüber versetzt, wozu ein Nichtsehender fähig ist, Auch Späterblindete können lernen, nicht nur selbständig einen Haushalt zu führen; Erhard Reil erledigt auch seine Korrespondenz selbst, die er u.a. für zahlreiche Verbände und Initiativen führt. Und er hat in einem harten Training gelernt, sich seine Mobilität zu erhalten und sich weitgehend ohne fremde Hilfe im Straßenverkehr zu bewegen. Mit seinem Vorbild möchte er Allen Mut machen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden.

Anmerkung der Red.