Aktiv gegen Ignoranz im Straßenverkehr

Der Rabauke, Ausgabe 27, Mai bis Juni 1993

Rabauke

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Aktiv gegen Ignoranz im Straßenverkehr

Aktiver Einsatz für eine humanere Welt heißt in unserer Gesellschaft oftmals bürokratische Hindernisse zu überwinden, gegen weitverbreitete Ignoranz anzuarbeiten und aufzuklären, Rückschläge einzustecken und sich mit Bremsern sogar in den eigenen Reihen herumzuschlagen. Daß es sich entgegen all solcher Hürden dennoch als erfolgreich erweist, sich aktiv einzusetzen, beweist Erhard Reil, 44, blind, begeisterter Tandemfahrer und entschiedener Kämpfer für einen menschenwürdigeren Verkehrsalltag. Mit engagiert kommentierten Diavorträgen, die er vor Vertretern der Städte und Gemeinden sowie diversen Verkehrsverbänden zeigt, deckt Erhard Reil Probleme auf, die nicht nur für blinde Menschen im alltäglichen Straßenverkehr lebensgefährlich sind, sondern auch für alle anderen die Lebensqualität in den Städten erheblich beeinträchtigen.

Schon immer hat sich Erhard Reil, erblindet im Alter zwischen 13 und 18 Jahren, an Hindernissen auf Gehwegen bei seinen täglichen Besorgungsgängen nicht nur so manche schmerzhafte Beule, sondern auch schwere Verletzungen zugezogen. Anfangs schluckte er den Frust einfach hinunter – aus Angst davor, durch seine Forderungen zu hohe Ansprüche an unsere Gesellschaft zu stellen. Doch vor dem Hintergrund zunehmender Gefahren im Straßenverkehr blieben ihm schließlich nur noch zwei Alternativen: Entweder weiter alles schlucken, sich in die eigenen vier Wände zurückziehen und dort in Isolation kaputtzugehen oder sich gegen die Bedrohungen zu wehren.

Den Anstoß für seine Aktivitäten gaben schließlich zugeparkte Fußwege in der Innenstadt. Auf seinem alltäglichen Gang zum Mittagessen im Stadtzentrum versperrten Erhard Reil abgestellte Autos und Lkw den Fußweg.

Dieses Chaos erreichte im Januar 1991 seinen Höhepunkt und als er sich an einem, mitten auf dem Gehweg abgestellten, Lkw eine böse Platzwunde zuzog, blutüberströmt sein Mittagslokal erreichte und dort erstmal verarztet werden musste, war seine Gelassenheit schließlich am Ende. Erhard schrieb kurz darauf einen „SOS-Hilferuf-Brief“ an die Polizei und die Stadt mit der Bitte, der unerträglichen Situation Abhilfe zu schaffen. Während die Polizei in ihrem Antwortschreiben den Missstand bestätigte, sich verständnisvoll zeigte, jedoch keine Hilfe anbieten konnte, wollte die Stadt das Problem einfach nicht erkennen. Ganz im Gegenteil. In ihrem Antwortbrief schreibt die Stadt flaps: „Leider ist es nicht möglich, den Fußgängerbereich und die Gehwege der anderen Straßen so zu gestalten, dass blinde Mitbürger keinerlei Behinderungen zu erwarten haben. Sie Stadt kann z.B. nicht garantieren, dass Kraftfahrer ihre Fahrzeuge nicht verbotswidrig auf Fußwegen abstellen.“ Im Klartext: Man kann gegen die rücksichtslose Autoflut nichts ausrichten und muß sich mit dem Elend halt abfinden.

Auch im Blindenverein und im Arbeitskreis für Behindertenfragen Oldenburg wurde Erhard Reil zunächst abgeblockt. Dort fand man seine Forderungen – den Gehweg als wichtigen Lebens- und Begegnungsraum für Menschen zu erhalten, systematische Leitsysteme für Blinde sowie akustische Ampeln anzulegen – für überzogen.

Dabei sind zunehmend auch Nichtbehinderte von den Folgen unbedachter Verkehrsplanung und des in unerträglichem Maße ausufernden Autoverkehrs betroffen. Kinder und alte Menschen können die Straße nicht mehr ungefährdet überqueren oder müssen weite Umwege gehen, weil breite und unüberwindbare Straßenzüge wie Todesstreifen die Lebensbereiche der

Menschen zerschneiden und voneinander isolieren.

Unterstützung für seine Arbeit fand Erhard Reil schließlich bei der Ortsgruppe Oldenburg des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ( ADFC ). Gemeinsam mit Aktiven der Verkehrsgruppe wurde eine Diaserie mit den Schwerpunkten „Leitlinien“, „Baustellenabsicherung“, „Hindernisse auf Gehwegen“, „mangelnde Breite der Gehwege“ sowie „Probleme der kombinierten Rad- und Gehwege“ erstellt. Ergänzend dazu wurde ein Konzept „Anregungen und Vorschläge“ für eine blindenfreundliche Stadtplanung“ erarbeitet

und veröffentlicht.

In den folgenden Monaten leistete Erhard Reil unermüdlich Informations- und Überzeugungsarbeit, die ihm viel Kraft gekostet hat: er hielt Vorträge, führte unzählige Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der Stadt, informierte die Presse und schleppte die Leiter der Verkehrsabteilung, der Stadtgestaltung, des Tiefbauamtes, des Ordnungsamtes sowie der VWG kreuz und quer durch die Stadt, um die Probleme vor Ort aufzuzeigen.

Nach über zweieinhalb Jahren aktiver und ausdauernder Arbeit kann sich Erhard Reil heute über erste Erfolge freuen. Die Stadt konnte schließlich dazu bewegt werden, die Blindenproblematik ernsthaft anzugehen und zweckmäßige Maßnahmen zu schaffen. Nach langen Verhandlungen sollen nun systematische Hilfen ( Leitsysteme ), wie sie auch schon in anderen Städten, so z.B. Münster und in Berlin bestehen, angelegt werden. Erhards Aktivitäten haben mittlerweile so viel Aufsehen erregt, dass er kürzlich eine Einladung erhielt, seinen Diavortrag vor einer Versammlung von 60 Bauamtsleitern aus dem gesamten Raum Nordwest-Niedersachsens zu halten.

Das standhafte Engagement Erhard Reils führt uns beispielhaft vor, dass positive Einflußnahme auf die Gestaltung unserer Umwelt möglich ist. Mehr noch, seine Arbeit als aktiver Blinder kann auch andere in unserer Gesellschaft benachteiligte Menschen ermutigen, etwas in Bewegung zu setzen und sie zeigt gleichzeitig, dass unsere Gesellschaft, will sie nicht ganz in seelenloser Oberflächlichkeit versinken, dringend auf solch couragierte Menschen wie Erhard Reil angewiesen ist. ( Uwe Leiningen )

Anmerkung der Redaktion:Den Artikel habe ich doch schon mal gelesen? Richtig, in der letzten Ausgabe des „ Oldenburger Stachel“ wurde er auch abgedruckt.Schreibt der RABAUKE also neuerdings aus anderen Zeitschriften ab? Nein, der RABAUKE  bleibt was er ist: ein selbständiges Blatt mit eigenem Kopf! Wir sind jedoch mit Erhard Reil der Meinung, dass die Informationen über seine verkehrspolitischen Aktivitäten möglichst weite Verbreitung finden sollten ( auch wenn es in Oldenburg in der Leserschaft einen gewissen Überschneidungsbereich beider Zeitschriften gibt ). Aber so ein Gemeinschaftsartikel von RABAUKE und Stachel ist doch auch mal was Nettes, oder?