Behinderte im Straßenverkehr

Ammerländer Sonntagszeitung vom 05.12.1993

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Diskussionsabend des Polizeiabschnittes Ammerland

Behinderte im Straßenverkehr

Verkehrssicherheitskommission bittet um mehr Rücksichtnahme

Westerstede. Mit einem Dank an die Mitglieder der Verkehrssicherheitskommission für die 1993 geleistete Verkehrssicherheitsarbeit wurde die letzte Veranstaltung in diesem Jahr von dem Leiter des Polizeiabschnitts Ammerland, Polizeioberrat Schlig, kürzlich im Kreishaus in Westerstede eingeleitet.

Im Mittelpunkt stand ein eindrucksvoller Dia-Vortrag des Vorsitzenden des Blindenvereins Oldenburg, Erhard Reil, der von dem Vorstandsmitglied der Verkehrswacht Ammerland, Herrn Machens, vorgestellt wurde. „Ist die optische Gestaltung des Straßenverkehrsraums wichtiger als der Schutz des Lebens Behinderter?“ – Diese provokant klingende Frage zog sich durch den gesamten Vortrag. Der vor rund 27 Jahren erblindete Referent beteuerte allerdings immer wieder, dass er niemanden kritisieren wolle. Ihm sei es vielmehr wichtig, das Bewusstsein aller Verantwortlichen im Hinblick auf die individuellen Bedürfnisse und Probleme der Mobilitätsbehinderten zu wecken und zu stärken.

Zu den Mobilitätsbehinderten zählte Reil neben den Körperbehinderten und Wahrnehmungsbehinderten auch ältere und gebrechliche Menschen sowie Eltern mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und Kinder. Erhard Reil verdeutlichte, wie wichtig es sei, dass Mobilitätsbehinderte von sich aus aktiv am Leben und Verkehrsgeschehen teilnehmen. In dem Zusammenhang empfahl er für Blinde ein Mobilitätstraining.

Die Dias zeigten in eindrucksvoller Weise Szenen im Straßenverkehr, bei denen zu erkennen ist, welche Schwierigkeiten Mobilitätsbehinderte im täglichen Verkehrsgeschehen meistern müssen. Viele der gezeigten Eindrücke entstammen den eigenen Erlebnissen.

Aus dem Vortrag lassen sich einige Erkenntnisse gewinnen, die sich in einem 10-Punkte-Katalog zusammenfassen lassen:

 

    Die Mindestnutzbreite eines Gehweges sollte 1,50 m betragen. Der Gehweg sollte von Mobilitätsbehinderten grundsätzlich an der inneren Leitlinie (Grundstücksseite) und nicht an der äußeren Leitlinie (Fahrbahnseite) benutzt werden.

    Der Gehwegbereich darf nicht durch Lichtmasten, Verkehrszeichen, Blumenkübel oder durch abgestellte Fahrräder oder Kraftfahrzeuge eingeschränkt werden.

    3 Briefkästen, Papierkörbe, Fahrradständer u. ä. sollten außerhalb des Gehwegnutzungsbereichs aufgestellt werden.

    Die Querneigung des Gehweges sollte max. 1,5% bis 2%, die Längsneigung nicht größer als 3% sein.

    Bordsteine stellen ein wichtiges Orientierungsmittel für Sehbehinderte und Blind im Straßenverkehr dar.

    Dir Bordhöhe sollte 3 cm betragen. Das gilt ebenso an Überquerungsstellen, Grundstückszufahrten und Parkflächen. Dieses Maß kann von Mobilitätsbehinderten selbstständig bewältigt, bzw. von Blinden ertastet werden.

    Für Blinde ergeben sich Orientierungsschwierigkeiten, wenn Rad- und Gehwege mit dem gleichen Oberflächenmaterial versehen sind.

    Liegen Rad- und Gehweg direkt nebeneinander, so sind sie durch 50-60 cm breiten Begrenzungsstreifen zu trennen. Für Sehbehinderte und Blinde stellen nicht genügend abgesicherte Baustellen auf Gehwegen erhebliche Gefahrenstellen dar. Dies gilt auch für andere Mobilitätsbehinderte wie z. B. Rollstuhlfahrer. Der Bundesverkehrsminister verlangt in einer Richtlinie, dass Baustellen so abgesichert sein müssen, dass sie für alle Menschen keine Gefahren in sich bergen. Im Bereich von Ausgrabungen müssen zusätzliche Tastleisten von 25 cm für Blinde angebracht werden.

    Sehbehinderte und Blinde haben erhebliche Schwierigkeiten bei de Auffindung und Benutzung von Verkehrssignalanlagen. Herr Reil regte hier ganz besonders an, akustische Signale zu verwenden. Er empfiehlt ein so genanntes Audiam-Automatik-System, d .h. die Verwendung eines Auffindungs- und Freizeichensignals an der Verkehrssignalanlage. Diese Signale passen sich in der Lautstärke den tatsächlichen Umweltgeräuschen an. Für den Blinden stellen sich die Rechtsabbieger (vor allem mit grünem Pfeil) als problematisch dar. Da er nicht hören kann, welcher Verkehr anfährt.

    Wenn an einem Kreuzungsbereich Verkehrsinseln eingerichtet sind, so ist dafür Sorge zu tragen, dass ein ertastbarer Bordstein verwendet wird.

    Im Anschluss an den Dia-Vortrag von Erhard Reil fand eine kontroverse, rege Diskussion statt.

  Als Fazit der Veranstaltung lässt sich folgendes feststellen:
  Die Bedürfnisse und Probleme von Mobilitätsbehinderten sind nicht in
  dem erforderlichen Maße berücksichtigt worden. Das zeigt sich täglich

 

a) bei den verkehrlichen Bedingungen für die Mobilitätsbehinderten und

b) bei der mangelnden Rücksicht von Fahrzeugführern (Parken auf dem Gehweg) und Grundstückseigentümern (Abstellen der Abfalltonnen auf dem Gehweg).

Die Verkehrssicherheitskommission erhofft sich von der durchgeführten Veranstaltung eine Art Signalwirkung auf weitere Planungsvorhaben (Straßenbaumaßnahmen, Ausgestaltung neuer (und alter?!) Bebauungsgebiete, Einrichtungen neuer Verkehrssignalanlagen usw.) Möglicherweise lassen sich bestehende Verkehrsverhältnisse zugunsten von Mobilitätsbehinderten verändern. Es wird aber auch ein positives Verkehrsverhalten aller Verkehrsteilnehmer im Hinblick auf die Bedürfnisse und Probleme der Behinderten im Straßenverkehr erwartet.

Die Freihaltung der Gehwege z. B. von abgestellten Fahrzeugen bzw. von Abfalleimern sollte eigentlich sonst schon selbstverständlich sein. Für die Mobilitätsbehinderten aber, das zeigte der Vortrag von Erhard Reil, ist es von eminenter Bedeutung, dass der Gehweg, ihr Lebensraum, hindernisfrei zur Verfügung steht. „Man sollte immer daran denken, dass eine Gesellschaft nur so stark ist und anerkannt wird, wie sie sich auch um die Sicherheit ihrer schwächsten Mitmenschen kümmert“.