Lichtbildvortrag eines Blinden stimmte nachdenklich

Münsterländische Tageszeitung vom 12.02.1994

Münsterland

Cloppenburger Kreisverkehrswacht hatte ungewöhnlichen Referenten

Lichtbildvortrag eines Blinden stimmte nachdenklich

Unter der Schirmherrschaft von Landrat Hans Große Beilage fand im Sitzungssaal des Kreishauses eine Veranstaltung der Kreisverkehrswacht Cloppenburg statt.

„Mehr Sicherheit für behinderte Mitbürger im Straßenverkehr“ hieß das Thema des Lichtbildervortrages von Erhard Reil, Vorsitzender des Blindenvereins Landesteil Oldenburg e.V. Der Vorsitzende der Kreisverkehrswacht Cloppenburg, Hans-Karl Jäger, wies zu Beginn darauf hin, dass man sich in der Vergangenheit mit dem Thema der Behinderten im Straßenverkehr noch zu wenig auseinandergesetzt habe. Auch im relativ dünn besiedelten ländlichen Kreis Cloppenburg wolle man diesem Problemkreis künftig mehr Aufmerksamkeit als bisher widmen.

Landrat Hans Große Beilage lobte in seiner Begrüßungsansprache die bisherigen Aktivitäten der Kreisverkehrswacht. Besonders aktiv sei die Gruppe bei der Schulwegsicherung der Kleinsten, wobei die überaus große Zahl der Schülerlotsen und Lotsinnen hervorzuheben sei, und auch bei der Verkehrsschulung der Jugendlichen. Mehr als 35 Mofas habe die

Kreisverkehrswacht bereits zur Verfügung gestellt.

Erhard Reil, der als Jugendlicher erblindet und seit Jahren außerdem auch noch schwerhörig ist, erläuterte seine Lebensgeschichte zum Einstieg in den Vortrag. Deutlich wurde dabei, dass es in der Verkehrsplanung und beim Bau von Verkehrsanlagen vor allem in größeren Städten, wo es entsprechend mehr  Behinderte gibt noch zu wenig Rücksicht auf die Belange dieser Mitbürger/innen gibt. Reil räumte aber auch ein, dass es recht schwierig sei, allen Behinderten gerecht zu werden, denn was für einen Rollstuhlfahrer gut und richtig sei, könne sich gerade für den Blinden als unüberwindliches Hindernis herausstellen.

Der Referent macht diese Aussage an den meinst niveaugleich ausgebauten Fußgängerzonen fest, wo sich der Blinde mit seinem Stock dann überhaupt nicht mehr orientieren könne oder auch an den total abgesenkten Bordsteinkanten an Fußgängerüberwegen, wo es dem Blinden dann nicht mehr möglich sei, zwischen Fahrbahn und Fußweg zu unterscheiden. Damit seien dann lebensgefährliche Situationen vorprogrammiert.

Reil setzte sich deshalb dafür ein, diese Bereiche mit der national auch zum Schutz der Blinden festgelegten Bordsteinkante in Höhe von drei Zentimetern zu versehen. Als gefährlich für Blinde, so Reil weiter, stellten sich oft auch Verkehrszeichen, Reklameschilder, Bänke und andere Einrichtungen heraus, die irgendwo im Fußgängerbereich aufgestellt würden. Sie gehörten aber auf einen Sicherheitsstreifen direkt neben oder auf die Fahrbahn. Diese Hindernisse müssten bis auf den Boden durchgängig die gleichen Breiten wie oben haben, ansonsten könne der Blinde die Hindernisse mit einem Stock nicht ertasten.

Sehr gefährlich seien auch auf dem Gehsteig geparkte Fahrzeuge, die für die Blinden zu ganz bösen Fallen werden könnten, oder die meist an den Hauswänden aufgestellten Fahrrädern und sonstigen Zweirädern. Eine Unsitte sei weiter das Aufstellen von Auslagen in Fußgängerzonen. Sehr problematisch sei auch die meist unzureichende Absicherung von Baustellen. Lebenswichtig für den Blinden im Straßenverkehr seien schließlich auch die

Signalanlagen (Ampeln), die mit akustischen Zusatzsignalen ausgestattet werden müssten.

Auf den Einwurf eines Veranstaltungsteilnehmers, dass Blinde und Behinderte sich begleiten lassen sollten, stellte Reil für sich und seine Leidensgenossen den Anspruch, so weit wie möglich selbstständig und ohne ständige Hilfe leben und sich bewegen zu wollen. Besonders den verschiedenen anwesenden Kommunalpolitikern und Verwaltungsleuten fiel bei diesem Vortrag auf, dass auch sie sich mit diesen Problemen in der Vergangenheit, weil der tägliche Kontakt mit Blinden und anderen Behinderten fehlt, nicht immer ausreichend beschäftigt haben.