Mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Hamburger Abendblatt vom 26.05.1995

Hamburger Abendblatt

Mehr Sicherheit im Straßenverkehr

Selbstbewusster nach Erfolgen: Kongress der Bürgerinitiativen

„Ohne uns läuft nichts“ – unter diesem Motto steht der 10. Bundeskongress der Verkehrs-Bürgerinitiativen (BI), der bis Sonntag in der Hochschule für bildende Künste (HfbK) am Lerchenfeld läuft. „Noch vor zehn Jahren wurden unsere Forderungen als zu radikal abgelehnt, heute sind sie Bestandteil aller Parteiprogramme“, sagt Karl-Heinz Ludewig vom Verein „Umkehr“ in Berlin, der die Arbeit der BI bundesweit koordiniert.

Vieles, was heute selbstverständlich ist, gebe es in der Tat ohne die Bürgerbewegungen nicht. Zu nennen sind insbesondere die Tempo-30-Zonen, die neue Popularität des Radfahrens, das Anwohnerparken, Verkehrsberuhigungen, das Semesterticket für Studenten und Tempolimits auf Hauptverkehrsstraßen wie der Stresemannstraße. „Unsere Erfolge haben uns selbstbewusster gemacht“, erklärt Sonja Tesch vom „Hamburger Verkehrsbüro“.

Die fast 54.000 Verkehrsunfälle mit 55 toten und 12.000 Verletzten im vergangenen Jahr allein auf Hamburgs Straßen zeigten aber auch, dass noch viel zu tun sei. Obwohl nämlich die Zahl der Verkehrstoten und Verletzten rund dreimal höher seien als die Zahl der Opfer von Straftaten, hätten viele Menschen mehr angst vor Verbrechen als vor Verkehrsunfällen. Das Phänomen angst in Bezug auf Umwelt und Verkehr ist deshalb auch ein Thema auf dem Kongress. Es soll zum Beispiel untersucht werden, welche rolle Angst bei der Wahl eines Verkehrsmittels spielt und welche Faktoren das Gefühl von Sicherheit im Verkehr beeinflussen.

Wie lebenswichtig Sicherheit gerade für behinderte Menschen im Straßenverkehr ist, wird der erblindete Erhard Reil von der Verkehrswacht Oldenburg darstellen. Dabei geht es häufig um Kleinigkeiten wie die für Radfahrer sehr bequemen Bordsteinabsenkungen. „Für einen Blinden können sie den Tod bedeuten“, sagt Reil.

Denn damit sei die Abgrenzung zur Fahrbahn für Blinde nicht mehr er-tastbar. Andere Gefahren für Blinde stellen Baustellen, Ampeln ohne akustische Signale, Rechtsabbiegeverkehr, Bushaltestellen oder kombinierte Fuß- Radwege dar. In einem Dia-Vortrag heute um 20.30 Uhr, HfbK, will Reil versuchen, den sehenden Mitmenschen die Probleme der Blinden und Behinderten bewusster zu machen.

Eher politisch ist dagegen die Kampfansage gegen den Bau der Transrapid-Magnetschwebebahn zu werten. „Damit hat die Bundesregierung eine Widerstandstraße installiert“, meint Ludewig. Dutzende von BI hätten sich bereits entlang der Trasse gebildet, immer neue kämen hinzu. Zwei Strecken, Hamburg-Hannover und Essen-Bonn, seien schon verhindert worden: „Wir sind sicher, auch die Trasse Hamburg-Berlin verhindern zu können“.

Referenten, Arbeitsgruppen, Informationsstände, Rollenspiele, Exkursionen, Kabarett und satirische Einlagen wie eine „Beratungsstelle für Stausüchtige“ bilden den Rahmen des Kongresses. Vorträge und Rahmenprogramm sind öffentlich, der Eintritt ist frei. Nähere Informationen gibt es unter der Rufnummer 040/29843213 (Fax 040/29843241).