Parkuhr wird zum Hindernis

NWZ vom 26.10.1995 Artikel
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Parkuhr

Parkuhr wird zum Hindernis
Mehr Beachtung für in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen

Delmenhorst.  Blinde Rollstuhlfahrer und anderweitig behinderte Menschen sollen vor Ort künftig mehr Gehör finden, wenn es um Verkehrsplanung und Stadtausbau geht.

Das sagten Vertreter verschiedener Behörden am Dienstag während einer Beiratssitzung der Delmenhorster Verkehrswacht zu. Zuvor hatten sie sich vom Vorsitzenden des Oldenburger Fußgängerschutzvereins „Fuß e.V.“, Erhard Reil, in Wort und Bild über die Schwierigkeiten informieren lassen, mit denen behinderte Menschen im Straßenverkehr konfrontiert werden.

Reil, selbst blind und unter Schwerhörigkeit leidend, präsentierte seinem Publikum im Hotel Goldenstedt eine Reihe von Dias, die, vorwiegend in der Nähe seiner Oldenburger Wohnung aufgenommen, alltägliche Situationen dokumentierten: Autos auf Fußwegen, Mülltonnen mitten auf dem Bürgersteig und Verkehrsinseln, die – niveaugleich mit der Fahrbahn – einem Blinden keinen Orientierungspunkt mehr bieten. Urplötzlich wird selbst die Parkuhr zum gefährlichen Hindernis, weil ihr Sockel mit nur geringem Durchmesser von dem Nichtsehenden mit seinem weißen Stock beim Abtasten des Bodens extrem schwer auszumachen ist.
„Wir brauchen systematische Hilfen“ appellierte Reil, „Leithilfen und Leitsysteme, mit denen wir am Leben teilnehmen können wie andere auch.“ Dass vieles nicht von heute auf morgen finanzierbar sei, bezog er in seine Überlegungen ein. Er verwies auf kostengünstige Leitlinien, die etwa durch die Verwendung von Steinen mit deutlich anderer Oberfläche zu realisieren seien. Bei Stadtbaurat Klaus Keller fand Reil damit Gehör, wenn dieser auch klarstellte: „Es gibt viele Dinge, die man bei der Planung erst einmal wissen muss.“ Keller deutete die Schwierigkeiten an, die sich allein in verkehrsberuhigten Zonen ergeben. „Verkehrsberuhigt bauen heißt niveaugleich bauen“, meinte er – durchaus der Probleme bewusst, die Reil dargestellt hatte: Dass niveaugleiches Bauen dem Rollstuhlfahrer Vorteile bringt, während der Blinde sich nicht mehr zurechtfindet. Weitaus leichter erscheint es da, Autofahrer zur Rechenschaft zu ziehen, die überall eine Parkfläche für ihr geliebtes Vehikel wähnen. Verkehrswachtvorsitzender Heinz Lohmann rief dazu auf, Polizisten und „Sheriffs“ nicht zu beschimpfen, „wenn sie auf dem Fußweg parkende Fahrzeuge aufschreiben“. Referent Reil, der hier die mit akustischen Signalen arbeitenden Ampeln lobte, hingegen mit dem ZOB nicht vollständig glücklich ist, regte an, eine Aktion „Blind gehen für Sehende – Rollstuhl fahren für Gehende“ zu initiieren. So seien auch Nichtbetroffene für die Probleme ihrer behinderten Mitmenschen zu sensibilisieren. „Nehmen Sie auch die Behinderten in die Pflicht und verlangen Sie ihre Mitarbeit“, riet er.