Gehwege voller Gefahren für Blinde

Felmtjer Kurier vom 22.11.1995

Fehnkurier
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Gehweg voller Gefahren für Blinde

Ostrhauderfehn. „Wir haben immer an Rollstuhlfahrer gedacht, wenn wir etwas behindertengerecht eingerichtet haben, aber nicht an Blinde. Ich bin sicher, dass viele meiner Kollegen diese Problematik gar nicht kennen“, meinte Rhauderfehns Gemeindedirektor Jörg Furch nach dem Referat von Erhard Reil (Oldenburg), der anschaulich über die Probleme von Blinden im Straßenverkehr berichtet hatte.

Ostrhauderfehns Bürgermeister Alfred Pistoor befand: „Es wäre schön, wenn überall etwas getan werden könnte, um die Situation für Blinde zu verbessern. Aber das wird kaum machbar sein“. Hier bot Pistoor einen Vorschlag an: „Ich denke, jeder Betroffene müsste sich in seinem Wohnbereich melden, damit hier konkret gehandelt werden kann“.

Erhard Reil ist nicht nur blind, sondern hat auch starke Hördefizite. Aber dennoch hat er sich nicht aufgegeben. Er ist ein reger Teilnehmer am Straßenverkehr und kennt die Probleme daher bestens. „Viele trauen sich aber schon gar nicht mehr aus ihren vier Wänden, weil sie nicht wissen, auf welche Hindernisse sie draußen stoßen werden“, bedauerte Reil andere Betroffene.

Die Besucher der Veranstaltung der Verkehrswacht Rhauderfehn/Ostrhauderfehn bekamen in einem Diavortrag die Probleme deutlich vorgeführt und gaben zu, dass sie auf bestimmte Problemfelder gar nicht gefasst gewesen seien. Während Rollstuhlfahrer mit zahlreichen Tücken fertig werden müssen, die sie aber sehen können, kommt für Blinde so manches Hindernis völlig überraschend wie auch unkalkulierbar: „Wir wissen zwar, wann bei uns die Mülleimer an der Straße stehen“, so Reil, aber ein Blinder brauche „innere“ oder „äußere“ Leitlinien. Wenn er sich an der inneren (Hauswände, Grundstücksbegrenzungen) orientiert, besteht die Gefahr, dass Mülleimer ihn dazu zwingen, sich an der „äußeren“ Linie zu bewegen. „Wenn dann Autos auf Fußwegen geparkt sind“, dann wird es schier unüberbrückbar.

Auch herabhängende Zweige, nicht gestutzte Hecken, die auf den Gehsteig ragen, und vor allem auch Werbetafeln, die an Masten befestigt sind, stellen für Blinde erhebliche Hindernisse dar: „Ich habe mir oft den Kopf gestoßen“, zeigte Reil die konkreten Probleme der Werbetafeln au.: „Mit unserem Stock rutschen wir unter den Tafeln durch, bemerken vielleicht die Stange, auf der sie befestigt sind, und schon laufen wir gegen Stellwände und Werbeeinrichtungen“. Erhard Reil fordert die Kommunen und Mitmenschen dazu auf, den Gehweg als Lebensraum zu erhalten oder zurückzugeben.

Weiter zeigte Reil diverse Maßnahmen, die beispielsweise in Münster und Oldenburg durchgeführt worden sind, um den sehbehinderten Menschen die Teilnahme am Straßenverkehr zu erleichtern. „Wir haben es in Oldenburg wenigstens soweit geschafft, dass sie sich mit der Sache auseinandersetzen“, konnte Reil erste Erfolge vorzeigen. Er bedauerte jedoch in diesem Zusammenhang, dass die Stadt an der Hunte „oft zu sehr guckt, was andere denn machen, statt selbst etwas auszuprobieren“.

Ganz sicher war sich der Referent, dass „zunächst Fehler gemacht werden“, aber das dürfte kein Hinderungsgrund sein. Außerdem: „Nehmen Sie uns in die Verantwortung“, forderte er die Behörden auf. Es sei nicht so, dass seitens der Sehbehinderten lediglich Forderungen erhoben würden, „wir sind selbstverständlich auch bereit, unsere Erfahrungen einzubringen“. Aus diesem Grund auch sei er als Referent unterwegs, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Wenn er selbst in seinem Umfeld Ideen habe, der teile er sie der örtlichen Verkehrswacht mit, die „mich ganz hervorragend unterstützt“. Oftmals sind es nach Reils Worten nur Kleinigkeiten, die Sehbehinderten das Leben schwer machen, begonnen mit den oben erwähnten Mülleimern auf den Gehwegen, falsch platzierten Hinweisschildern, oder auf dem Gehweg stehenden Fahrrädern.

Dass „man nicht von heute auf morgen alle Probleme lösen kann“, das weiß auch der Oldenburger Referent. „Aber man könnte zukünftig vieles einplanen – wie Tastfelder, den richtigen Wechsel im Straßenbelag -, die für die Kommunen nicht teuer sein müssen. Kombinierte Rag- und Fußwege, die lediglich farblich abgesetzt seien, stellen für Sehbehinderte sehr große Gefahrenquellen dar: „Wir wissen dann nicht, wenn wir uns auf dem Radweg befinden“, hier könnte mit einer „Leitlinie“ (einer anderen Pflasterung zum Beispiel) viel gemacht werden, um auch Blinden mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu geben. Das habe auch seine Gültigkeit für Straßenquerungen und Ampelanlagen.

Die Verkehrsteilnehmer gestanden sich ein, diese Art der Probleme bisher kaum gekannt zu haben. Aber die Verkehrswacht will hier weiter aktiv bleiben.