Es muss schön aussehen, darf aber nicht praktisch sein

Anzeiger für Harlingerland vom 08.05.2000
Wittmund
Reil: „Es muss schön aussehen, darf aber nicht praktisch sein“

Vortrag und Podiumsdiskussion zum Abschluss der Aktion „Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr“

Wittmund. Erhard Reil nahm kein Blatt vor den Mund. Der blinde Oldenburger, der zum Abschluss der zweitägigen Ausstellung „Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr“ ein ausführliches Referat über seine Erkenntnisse hielt, brachte es vor 50 Zuhörern in der „Residenz am Schlosspark“ in Wittmund auf den Punkt. „Seitens der Behörden handelt es sich um gedankenloses Handeln, um Ungewissheit oder Unkenntnis.

Auch mit eindrucksvollen Lichtbildern dokumentierte Reil unter dem Motto: „Der Gehweg als unser Lebensraum“ alltägliche Straßensituationen, die den Zuhörern im Saal eines deutlich machten: In vielen innerstädtischen Bereichen sind blinde Menschen und auch Rollstuhlfahrer großer Gefahr ausgesetzt, weil ohne Rücksicht auf mobilitätsbeeinträchtigte Mitmenschen geplant wurde oder weil die Mitmenschen nicht weit genug denken.

Probleme, die zu kleinen und großen Blessuren führen können, gibt es laut dem Referenten durch Verkehrs- und Werbeschilder, die mit dem Blindenstock nur schwer ertastet werden können, durch fehlende oder nicht erkennbare Gehwegbegrenzungen, nicht geeignete Baustellenabsperrungen und zu schmale Fußwege. „Es muss alles schön aussehen, darf aber nicht praktisch sein“. Sparte Reil im Hinblick auf die Stadtplaner nicht mit Ironie. Auch Zebrastreifen und kombinierte Rad- und Fußwege würden zudem ein Gefahrenpotential in sich bergen.

Kleine, mit dem Blindenstock ertastbare Podeste bei den Verkehrsschildern, Umpflasterungen und Spezialplatten, wie es die Niederlande und Japan vormachen, sowie klare Begrenzungen der Gehwege würden schon einiges bewirken. Fritz Brüske als Vorsitzender der Kreisverkehrswacht Wittmund machte anhand eigener Bilder deutlich, dass es auch auf Wittmunder, Esenser und Friedeburger Gehwegen Problemsituationen für nicht mehr so mobile Menschen gibt.

Davon, dass mit einfachen Mitteln und etwas Überlegung „auf dem kurzen Dienstweg“ schon einiges erreicht werden könne, zeigte sich Karl Heinrichs, Stellvertreter des Wittmunder Bürgermeisters im Amt. In der anschließenden Podiumsdiskussion überzeugt. Einige Juckepunkte in der Harlestadt seien bereits erkannt und Baumaßnahmen wie Bordsteinabsenkungen vorgesehen. Jedoch appellierte Hinrichs auch an die Bürger, die Gehwege nicht mit Mülltonnen zu blockieren sowie Büsche zurück zu schneiden.

Landrat Henning Schultz fand, dass kleine Baumaßnahmen schnell in die Wege geleitet seien, der „mitmenschliche Verhaltenskodex“, Gedankenlosigkeit und mangelnde Rücksicht vielmehr das Problem der Gesellschaft ausmachten. Anhand eines Beispiels aus seiner Gemeinde machte Friedeburgs Bürgermeister Hillrich Reents deutlich dass es auch zu Konflikten zwischen Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer und Naturschutzinteressen kommen kann: An zwei Stellen nämlich erfordern schützenswerte Wallhecken und Bäume im Gehweg besondere Vorsicht.

Gleich mehrere Diskussionsteilnehmer waren sich sicher: In Sachen Partnerschaft und verantwortungsvollem Handeln im Straßenverkehr müsse man bereits bei den Kindern anfangen. Und aus diesem Grunde freute sich Fritz Bröske, dass Ende letzter Woche 22 Schulklassen und damit mehr als 400 Kinder den Weg in die Sonderausstellung zum europaweiten Gleichstellungstag für Behinderte gefunden hatten.