Sehende als Blinde im Tunnel

Ostfriesen-Zeitung vom 05.05.2000
Wittmund
Sehende als Blinde im Tunnel
Zwei Tage dreht sich alles um Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr

Wittmund. Papier ist bekanntlich geduldig. Seit Mitte der 90er Jahre steht´s zwar in Artikel 3 des Grundgesetztes: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Doch, so bedauerte gestern der Behindertenbeauftragte des Landkreises Wittmund, Helmut Gössling, Benachteiligungen und auch Diskriminierungen sind leider immer noch an der Tagesordnung. Artikel 3, so seine Forderung müsse mit Leben gefüllt werden – und das ist seit gestern in der Wittmunder Stadthalle der Fall.

Gemeinsam mit der Kreisverkehrswacht und durch Unterstützung der Kreissparkasse hat Gössling in den vergangenen Wochen an dem gearbeitet, was noch bis heute Abend zu erleben ist: Eine Ausstellung, ein Erlebnisparcours, Vorträge und schließlich heute ab 13.30 Uhr eine Diskussion – alles zum Thema „Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr“.

Wie eingeschränkt Behinderte im Straßenverkehr sind, können die Besucher am eigenen Leibe erleben. Ein Erlebnistunnel, absolut abgedunkelt und mit diversen Hindernissen von oben und unten ausgestattet, lässt Sehende zumindest für ein paar Minuten zu blinden werden. „Seltsam, komisch“, umschreibt der 14 Jahre alte Dennis hinterher seine Gefühle, allein auf Gehör und Tastsinn angewiesen zu sein. Mit der Hand und dem Blindenstock hat er sich Schritt für Schritt durch das Dunkel des Tunnels gearbeitet, hat der Wittmunder KGS-Schüler fühlen müssen, wie hoch ein Hindernis ist, während ihm plötzlich etwas Weiches durchs Gesicht streicht.

Im Keller der Stadthalle ein Spiel, in der Realität für Sehbehinderte die tägliche Herausforderung, zum Beispiel: Mülltonnen auf dem Gehweg, herabhängende Zweige. Und genau darum soll es gehen: Für die Bedürfnisse der Behinderten sensibilisieren.