Behindert durch eine Gesellschaft von Behinderern

Ostfriesen-Zeitung vom 08.05.2000
Wittmund
„Behindert durch eine Gesellschaft von Behinderern“

Podiumsdiskussion macht auf Probleme von Rollstuhlfahrern und Blinden im Straßenverkehr aufmerksam

Wittmund. Erhard Reil redet lange. Unendlich scheint die Liste der Hürden zu sein, die ihm unbedachte Zeitgenossen in den Weg stellen. Autos auf Gehwegen, Fahrräder, Mülltonnen, unzureichend gesicherte Baustellen - Eine Barriere reiht sich an die nächste. Aus Unwissenheit, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit.

Erhard Reil ist sehbehindert, und der Oldenburger ist gekommen, um den Sehenden die Augen zu öffnen. Am Freitag referierte er während einer  Podiumsdiskussion in der Stadthalle über die Probleme von Behinderten im Straßenverkehr. Das war nämlich zwei Tage lang Thema einer Veranstaltung, die der Behindertenbeauftragte des Landkreises Helmut Gössling und die Kreisverkehrswacht nach Wittmund geholt hatten: "Mobilitätsbehinderte im Straßenverkehr". Es ging um Menschen, die aus verschiedensten Gründen in ihrer Bewegung eingeschränkt sind, durch einen Rollstuhl, eine Sehbehinderung, durch ein Gipsbein zum Beispiel.

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung gelten als mobilitätsbehindert - trotz des großen Anteils müssen sie immer noch um ihre Rechte kämpfen. Um die freie Fahrt, den barrierefreien Spaziergang - für Nichtbehinderte eine Selbstverständlichkeit. Oder um es mit Gössling zu sagen: "Behindert wird man erst durch eine Gesellschaft von Behinderern".

Ein klassisches Problem: Die Absperrungen vor Fuß- und Radwegen, damit Radfahrer nicht ungebremst auf die Straße düsen. Doch für Rollstuhlfahrer sind die versetzt installierten Stahlrohr-Geländer in der Regel kaum zu umfahren. Zu eng ist der Radius. Vorschlag aus dem Forum: "Warum wird nicht jeder Architekt mal in einen Rollstuhl gesetzt und durch die Stadt geschickt?"

Nach Ansicht von Matthias Lux, der als Stadt- und Verkehrsplaner vor allem für Wittmund arbeitet, besteht das Problem vor allem darin, dass die Fußgänger keine Lobby haben. Auto- und Radfahrer hingegen artikulieren sich. Nur wer nicht aufmuckt geht leicht unter.

Und für Friedeburgs Bürgermeister Hillrich Reents steht fest: Das Referat von Erhard Reil soll zum Pflichtvortrag bei allen Bauamtsleiter- und Planertagungen werden.