Parkuhren und Kübel werden zu Fallen

Ostfriesen-Zeitung vom 20.11.1995
Wittmund
Parkuhren und Kübel werden zu Fallen


Blinder berichtete über Probleme im Straßenverkehr

Blinde und Rollstuhlfahrer stehen auf Gehwegen oft vor unlösbaren Problemen, sagt Erhard Reil.

Ostrhauderfehn. „Städteplanern sind unsere Mobilitätsprobleme nicht bekannt.“ Erhard Reil, bei der Oldenburger Verkehrswacht Vorsitzender der Behindertenarbeitsgruppe, öffnete Zuhörern und Mitgliedern der Ortsverkehrswacht Rhauderfehn/Ostrhauderfehn die Augen. Der seit seiner Jugend erblindete und seit zehn Jahren fast taube Reil berichtete über die Probleme von Behinderten im Straßenverkehr.

Gehwege und Fußgängerbereiche werden durch Hindernisse wie Parkuhren, Blumenkübel, Werbeplakate sowie Verkehrs- und Hinweisschildern zweckentfremdet. Für Blinde, die sich ihren Weg mit Hilfe eines langen Stockes suchen, sind dies wahre Fallen. Schmerzhafte Zusammenstöße sind laut Reil kaum zu vermeiden. Doch nicht nur Städteplaner machen den Blinden das Leben schwer. Auch die Einwohner machen aus Gehwegen Abstellflächen für Mülleimer, Autos oder Fahrräder. „Was nützen uns die besten Ausbildungen, wenn Gehwege zugestellt werden“, sagt Reil. Ein Orientierungslauf wird zu einem Spießrutenlauf, der durch fehlende oder ungenügende Leitsysteme an Ampelkreuzungen noch verschärft wird.

Neben Blinden stehen auch Rollstuhlfahrer auf Gehwegen oft vor unlösbaren Problemen. Nur zu oft müssen sie wegen der Hindernisse den Gehweg verlassen und auf die Straße ausweichen. Ein Wagnis, das auf Hauptverkehrsstrecken mehr als gefährlich ist.

Auch Stadtplaner machen Rollstuhlfahrern oft unbewußt einen Strich durch ihre Rechnung. „Nicht abgesenkte Bordsteinkanten machen eine Bushalteinsel zu einem Gefängnis“, berichtete Reil.

Doch der Oldenburger Behindertensprecher suchte die Schuld nicht nur bei Städten und Gemeinden. „Auch wir sind gefordert. Wir hätten uns schon vor 30 Jahren melden müssen.“ Reil appellierte an Städte und Gemeindevertreter, nicht nur auf andere zu schauen, sondern auch selbst etwas Neues auszuprobieren.

Bei der Ortsverkehrswacht Rhauderfehn/Ostrhauderfehn sollen dem Referat in Rhauderfehn an einem der nächsten Wochenenden die Aktion „Blind-Sehen für Sehende und Rollstuhlfahrer für Gehende“ folgen. Die besondere Situation Behinderter soll dadurch greifbar und erlebbar werden, so die Hoffnung der Organisatoren. Ex-Bundesminister Rudolf Seiters hat dafür die Schirmherrschaft übernommen.